Grande Schmierage als Familientreffen

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Ingolstadt (smr) Sie heißen Dome, Besok oder Smatik, und mit der Spraydose entwerfen sie fremde Welten an Wänden: Mit der Veranstaltung La grande Schmierage rückte Ingolstadt an diesem Wochenende in den Mittelpunkt der Graffiti-Szene. Eine Kunst-Aktion der ganz besonderen Art.

Die Stimmung bei der Session in der Hall of Fame an der Bahnunterführung in Unsernherrn konnte besser nicht sein: Etwa 50 Sprayer, darunter anerkannte Künstler, aber auch blutige Anfänger, ließen ihrer Kreativität freien Lauf. Fast herrschte so etwas wie Party-Stimmung, denn DJ Edi sorgte mit Funk und Soul für die passende musikalische Untermalung. Leider oft übertönt vom Lärm der Autos, die durch die Unterführung donnerten.

Vergnügt, aber dennoch konzentriert arbeiteten die Sprayer zwei Tage lang an dem riesigen Gesamtkunstwerk. Auch Besok aus Amsterdam, der eigentlich Daniel Döbner heißt und aus Augsburg stammt. "Ich mag es gern verträumt", kommentiere er seine Darstellung krummer Dächer und verwinkelter Gässchen. "Eine Art italienische Hinterhofatmosphäre." Besok arbeitet inzwischen als Kinderbuchillustrator und Werbegrafiker, kann also leben von seiner Kunst. Für ihn ist die Schmierage in Ingolstadt so etwas wie ein Familientreffen. "Hier begegnet man Leuten, die man seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat."

Das idyllische Dörfchen, das Besok an die Wand geworfen hat, ist Heimat für ein lustiges Kerlchen in Lederhosen, das Smatik zum Leben erweckt hat. "Ein Seppl, der mit bunten Knödeln jongliert", erklärt André Ljosaj. "Zwei Musen, Malen und Essen, reduziert auf ein Logo."

Düsterer die Szene, die Dome alias Christian Krämer aus Karlsruhe entwirft. Maskerade nennt der 32-Jährige Künstler sein Werk. "Jeder Mensch versteckt sich doch hinter einer Maske und lässt keine Gefühle zu." Krämer ist seit zwölf Jahren Sprayer und lebt seit vier Jahren davon, dass er bundesweit Aufträge annimmt. "Ich bemale zum Beispiel Fassaden für öffentliche Wohnungsbaugesellschaften."

Aus Dresden sind Thomas Smorek und Tom Prochnow nach Ingolstadt gekommen, zwei Kunststudenten, deren abstraktes Werk sich deutlich unterscheidet von den üblichen Graffiti. "Für uns ist das ein Experiment. Wir finden unser Bild durch die Gefühle und die Komunikation zwischen uns. Was daraus wird, wird sich erst zeigen."

Während sich an der grünen Wand die versierteren Sprayer ausleben dürfen, ist die rote Seite den Anfängern vorbehalten. Hier sprüht Karl-Michael Coustien aus Rostock an einem Bild, das ein großes Buch darstellt, auf dessen Seite ein Angler sitzt. Der 26-Jährige findet die Idee für die Schmierage großartig: "Ich hab’ noch nie so ein großes Zusammentreffen erlebt." Ans letzte Eck der Unterführung hat sich Felix Krinke aus Ingolstadt verzogen: "Weil das mein erstes Bild ist. Ich hab’ noch Probleme mit der Technik."

Für Simona Schreyer von der Fronte 79 ist die mit dem Kulturamt organisierte Kunstaktion ein voller Erfolg: "Wir sind alle begeistert. Als 1995 die Hall of Fame von Ingolstadt eröffnet wurde, war der Aufschrei groß und die Leute regten sich auf über die Schmierereien. Als wir jetzt die Grundierung angebracht haben, gab es in diversen Chatrooms Beschwerden, weil wir die schönen Bilder übermalt haben." So ändern sich die Zeiten.


Von Suzanne Schattenhofer



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