Graffiti
Kunst oder Schmiererei?

Eintragen am

Pro Jahr entsteht der Deutschen Bahn durch Sachbeschädigung 50 Mio Euro Schaden

Stuttgart -­ "Man muss 200 Züge besprühen, um sich einen Namen zu machen", meint Flo (Name geändert). Zwei Mal die Woche hinterlässt der 32-Jährige seinen Graffiti-Schriftzug auf Bahnen und Mauern. Allein der Deutschen Bahn entsteht durch Graffiti und Sachbeschädigung ein jährlicher Schaden von 50 Millionen Euro. Eine Dose Autolack kostet 3,50 Euro - Flo braucht fünf Dosen, um ein Graffiti zu sprühen.



Die Dosen im Rucksack, Handschuhe und Maske an, schleichen sich Flo und seine Freunde mitten in der Nacht ins Gebüsch. Bei den Abstellgleisen der Züge warten sie, bis die Luft rein ist. "Es ist schön, wie die Züge nachts beleuchtet dastehen ­ die Schienen und die Geräusche, all das gehört dazu", sagt Flo. Oft harren die Sprüher Stunden aus, um im Morgengrauen ihr Werk zu beginnen. Sobald das Bauchgefühl stimmt, schlagen sie zu. Beim Sprühen haben sie die ganze Zeit ihre Umgebung im Auge. Danach entsorgen die Sprayer noch Dosen und verräterische Kleidungsstücke und entschwinden wieder in die Dunkelheit.

Um die Schäden durch Graffiti einzudämmen, wurde im August 2005 das Strafrecht verschärft. Seitdem können Schmierereien leichter als Sachbeschädigung gewertet werden. Vorher musste nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs auch eine Beschädigung der Substanz einer Sache, etwa von Putz oder Mauerwerk eines Gebäudes, nachgewiesen werden. Paragraf 303 des Strafgesetzbuches ordnet für Sachbeschädigungen Strafen von bis zu zwei Jahren Gefängnis an.

"Ich war bei mehreren Einsätzen dabei", sagt Harald Trautmann, Pressesprecher der Bundespolizei. Mit Streifenwagen und verdeckten Ermittlern überwachen die Beamten die Abstellgleise der Züge. Wenn Sprüher gesehen werden, sperrt die Polizei die vermeintlichen Fluchtwege ab und greift ein. "Bei der Festnahme ergreifen wir die ganz normalen Maßnahmen: Ist der Sprayer friedlich, passiert ihm nichts. Leistet er Widerstand, kann es auch schon mal Blessuren geben", sagt Trautmann.

In den vergangenen Jahren ist es der Polizei immer wieder gelungen, Täter auf frischer Tat zu ertappen. Die Aufklärungsquote von Graffiti-Delikten beträgt in Baden-Württemberg rund zehn Prozent. Nach Angaben der Stuttgarter Polizei wird aber nur jede sechste Schmiererei zur Anzeige gebracht. "Für die Polizei ist es sehr schwer in die Graffiti-Szene einzudringen. Der Sprayerkodex lässt es nicht zu, dass ein anderer "verpfiffen" wird", sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart. Meist seien es Hinweise aus der Bevölkerung, die die Täter überführen.



"Wegen Graffiti allein ist mir noch keiner ins Gefängnis gegangen", sagt Anwalt Alfred Satur, der seit 13 Jahren Sprüher verteidigt. Der 54-jährige Strafverteidiger kritisiert die Unverhältnismäßigkeit: "Die Polizei arbeitet mit verdeckter Observationen und genetischen Fingerabdrücken. Das sind Mittel, die mit der Verfolgung schwerster Straftaten vergleichbar sind". Für ihn sind Graffiti "Jugendsünden" ­ sowohl Kunst als auch Sachbeschädigung. "Kein Gesetz der Welt kann das Sprühen verhindern", sagt Satur.

Trautmann hat kein Verständnis für die Szene: "Graffiti ist keine Kunst, so schön es auch aussehen mag. Es ist eine Schmiererei." So mancher Bürger habe das anders gesehen, bis er ein Graffiti an der eigenen Hauswand hatte, weiß der Beamte zu berichten.

"Die meisten sprühen für die Anerkennung in der Szene", sagt Flo. Graffiti sei eine Lebenseinstellung ­ Ruhm, künstlerischer Ausdruck und Nervenkitzel mache den Reiz am Sprühen aus. Einen politischen oder gesellschaftskritischen Anspruch habe ein Graffiti-Künstler nicht.

Am Tag nach dem nächtlichen Sprühen treffen sich die Jungs um Flo am Bahnhof um ihr Werk zu fotografieren. Den Fahrplan ihres bemalten Zuges kennen sie genau. Um den Sprühern die Tour zu vermasseln und den Ruhm zu nehmen, versuche die Bahn Graffiti so schnell wie möglich zu entfernen. "Ein gewisser Fanatismus steckt tatsächlich dahinter, immer wieder Züge anzumalen", sagt Flo. Ein bisschen sprühsüchtig sei er schon. Die Bilder seiner Graffiti sammelt er in Fotoalben. Flo hat 2000 Fotos.