Gesprochene Graffiti

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Mit zweifelhaften Derbheiten wurde einem lahmenden Genre neue Vitalität verschafft.

Sie rappen über Analsex, Waffengewalt, die Freuden des Kokainkonsums und darüber, dass sie sich „Schwarz, Rot, Gold, hart und stolz“ fühlen. Was derzeit auf den Plattentellern und MP3-Playern der 14-Jährigen läuft, treibt deren Eltern wahlweise die Schames- oder die Zornesröte ins Gesicht.
Es sind vor allem die Künstler des Berliner Labels Aggro Berlin, die eine in den Neunzigern schlicht nicht für möglich gehaltene Proletarisierung des deutschen HipHops eingeleitet haben - und gleichzeitig einem lahmenden Genre neues Leben und neuen Glamour eingehaucht haben. Mit durchaus zweifelhaften Methoden.

Texte indiziert

Dass die gutbürgerlichen Mainstream-Medien - denen in vergangenen Jahren deutscher HipHop herzlich wurscht war - ein Aufreger-Thema genau da entdecken, wo ihnen Aggro Berlin eines bieten will, spricht schon mal für das gelungene Kalkül der Berliner. Auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) beteiligt sich an der Negativ-Image-Kampagne Aggro Berlins, hat mehrere Veröffentlichungen des Labels als „jugendgefährdend“ eingestuft. Die indizierten Texte würden in hohem Maße die Würde der Frau verletzen und zeichneten ein menschenverachtendes Bild, stellte die BPjM fest. Inhalte von Aggro Berlin-Titeln wie „Psycho Neger B“ oder „Pussy“ seien dazu geeignet, Kinder und Jugendliche „sozialethisch zu desorientieren“.

In der Tat erinnern die Texte von Sido, B-Tight, Fler und den mittlerweile zum Major Universal gewechselten Bushido in ihrer Schlichtheit oft an das, was man unter Betonbrücken an eilig hingesprühten Graffiti findet. Andererseits sollen sie genau das leisten: Aggro Berlin trifft den Ton der randständigen Bezirke in den deutschen Großstädten und verkauft ihn den Kindern der Vorstadt. Ganz so, wie das die Gangsta-Rapper der Westküste von N.W.A. bis zu 50 Cent seit bald 20 Jahren vormachen.

Als Anfang der Neunziger ausgerechnet die Pop-Hopper Die Fantastischen Vier das Thema Deutsch-Rap einer breiteren Öffentlichkeit bewusst machten, lautete die Klage, in Deutschland könne kein authentischer HipHop stattfinden. Eine Reihenhaus-Siedlung sei schließlich kein Getto und Stuttgart nicht Compton. Hätte man sich statt der Fanta 4 damals „Advanced Chemistry“ angehört, die fehlgeleitete Authentizitäts-Diskussion hätte sich bald erledigt. Die Heidelberger Gruppe um fünf Deutsche mit Wurzeln in Haiti, Italien, Ghana und Chile eröffneten 92 mit „Fremd im eigenen Land“ den Diskurs um das Aufwachsen an den Rändern der Gesellschaft. Und das auf einem Niveau, von dem die Aggro Berlin-Künstler astronomisch weit entfernt sind. Stattdessen kann Aggro Berlin-Mitinhaber Specter heute nicht ohne Chuzpe behaupten, endlich den „harten Rap“ nachzuliefern, ohne den die Pop-Rapper der Neunziger - Specter nennt das „Kindergartenmusik“ - gar keine Daseinsberechtigung hätten.

Doch natürlich ist auch die neue Härte im deutschen HipHop keine 1:1-Widerspiegelung von scharfkantigen Hartz-IV-Verhältnissen. Gerade die Aggro Berlin-Künstler verkaufen Platten über die comicartigen Profile, die das Label seinen rappenden Jungs verpasst hat. Da wird der Rapper Fler bedenkenlos mit Nazi-Skin-Insignien beworben, gerade so, wie Sidos unspektakuläre Persönlichkeit mit einer - übrigens von Specter persönlich designten - Maske aufgewertet wurde. Porno-Man, Pitbull-Man, German-Man. Gettofabulöse Super-Gangsta und Elternschrecks.

Englisch vernuschelt

Noch bemerkenswerter als die herbeiprovozierten Reaktionen der Medien und Behörden scheint allerdings, wie sich die Generation der heute 30-Jährigen angewidert abwendet, sobald man anmerkt, dass Sido doch eigentlich kompetent über ganz coole Tracks rappt. Dabei konfrontieren die selbst ernannten deutschen Gangsta-Rapper ältere HipHop-Fans mit einer oft verleugneten Tatsache. Nämlich, dass man das neue, sagenhaft gut produzierte, Album des amerikanischen HipHop-Altstars Snoop Dogg bedenkenlos goutiert. Weil man über die englisch vernuschelten Porno- und Zuhälter-Szenarien des Doggs eben so problemlos hinweghören kann.

(KStA)