Berliner Tagesspiegel: Berliner Mauern

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Wie vom Himmel gefallen prangen sie über der Stadt. Doch wie kommen die Buchstaben da hin? Über die geheimen Botschaften der Stadtstreicher.

Über der Stadt ist es dunkel und ruhig. Alles ist klein, wenn er hinunterblickt. Und niemand sieht ihn. Das ist der schönste Moment, „ich bin da, aber für die anderen nicht sichtbar“. Erst wenn es hell wird, am nächsten Tag, und sein Name pink gegen den Himmel sticht, sehen alle: Just war hier.

Just malt. Auf Wände, die ihm nicht gehören, und auf Häuser, in denen er nicht wohnt. Nachts zieht er los, mit zwei Farbeimern und einer fünf Meter langen Teleskopstange. Die Stelle, den „Spot“, auf den er seinen Namen oder einen Slogan malt, hat er schon vorher ausgesucht und dann probiert,
über welchen der ein Dutzend Hauseingänge er aufs Dach kommt. 25 Meter über der Straße tunkt er die Rolle an der Stange in Farbe, geht vorsichtig zur Kante, legt sich auf den Bauch und beginnt zu malen. Eine halbe Stunde dauert das, manchmal muss er unterbrechen, wenn zu viele Leute unterwegs sind oder ein Polizeiwagen vorbeifährt.

Einen Namen hat das Phänomen nicht. Dass es Sachbeschädigung ist, steht fest; man könnte die Schriftzüge aber auch Dachkantenmalerei nennen, Just redet von Streichbildern oder Rooftops. Hoch über den Köpfen hängen sie, in Kreuzberg und Friedrichshain, in Mitte, Prenzlauer Berg oder am Südkreuz, am obersten Rand der Hausmauern. „Bildet Banden!“ fordern die riesigen Lettern, „Love art hate cops“ oder einfach nur „Ideen“.

Just ist Anfang 20, hat große blaue Augen und kurzes blondes Haar, er redet leise und ruhig. An seinen Fingern und auf seinem Kapuzenpulli sind Farbreste, er arbeitet gerade an seiner Mappe, um sich für Grafikdesign an der Kunsthochschule zu bewerben. Als Teenager im Ruhrgebiet hat er mit Graffiti angefangen, überall sprühte er seinen Namen hin. „Männliche Inszenierung und Rumgemackere“ nennt er das heute. Später sprühte und klebte er politische Sachen, „so linkes Zeug“, dann zog er nach Berlin und sah zum ersten Mal ein Streichbild. „Das war eine ganz neue Dimension, das wollte ich auch machen.“ Feste Gruppen gibt es in der Szene, wie „1Up“; Just geht meistens allein oder mit einem Freund, Doc Knightfield, der runde Kühe mit strichdünnen Beinen auf die Wände malt.

Für seine nächtlichen Streichausflüge auf die Dächer Berlins kann Just strafrechtlich verfolgt werden, schlimmstenfalls droht ihm Freiheitsentzug. Er sagt, es ginge ihm nicht darum, Mut zu beweisen. „Ich finde die Streichbilder schön“, und: „Die Fassaden, die die Menschen sich aufbauen, sollen weiß sein – aber so adrett und ordentlich mit Vorgarten und gestutzter Hecke ist die Welt eben nicht.“

Das Stadtbild sei heute von Werbung dominiert, sagt Adrian Nabi, „Urban Art ist eine Möglichkeit, die Stadt zurückzuerobern“. Nabi ist Kurator der Ausstellung „Backjumps“, die bereits zum dritten Mal jenseits von Kriminalisierung auf die künstlerischen Aspekte von Urban Art aufmerksam machen will – gefördert unter anderem vom Hauptstadt-Kulturfonds. Die Geschichte des modernen Graffiti begann in den 70er Jahren mit einem Namen, einem „Tag“, auf einem U-Bahn-Zug in New York. Ein „Aufstand der Zeichen“ sei Graffiti, schrieb damals der französische Philosoph Jean Baudrillard. Seitdem hat die Urban Art wütende Proteste wegen Verschandelung der Städte hervorgebracht, aber auch anerkannte Künstler wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat. Neuester Star der Szene: der Street-Art-Künstler Banksy. Ein Bild des Londoners erzielte im Juni bei Sotheby’s fast 240 000 Euro.

Mit der Ausstellung, in Workshops und bei Stadtspaziergängen will „Backjumps“ die Urban Art Berlins zeigen. Rätselhaft ist sie manchmal, so wie die kleinen weißen Hufeisen, die am U-Bahnhof Eberswalder Straße oder an der Schönhauser Allee wie eine Fährte auf den Asphalt gemalt sind. Just weiß auch nicht, was sie bedeuten, „aber ich finde sie witzig“, sagt er, „ so sollte Streetart sein: Sie durchbricht die Monotonie, und du änderst deinen Blick und fragst dich: Was ist das denn?“