„Rettungshubschrauber statt Graffiti-Jäger”

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Wie kamst du zum Graffiti?

Oliver: Ich habe es in der Stadt gesehen und mir hat es gefallen. Als dann ein paar Leute aus meiner Klasse anfingen zu malen, habe ich das auch probiert. Ich habe mir erstmal gar keine großen Gedanken gemacht, was ich da eigentlich male. Erst als ich mir die alten Videos wie „Wildstyle“ angesehen habe, habe ich begriffen, was Graffiti ist. Dann irgendwann habe ich mich zuhause hingesetzt und geübt, geübt, geübt. Später bin ich rausgegangen, in irgendwelche Hinterhöfe, und hab geübt.

Wie kommt man auf die Idee für ein Graffiti?
Oliver: Früher bin ich durch die Gegend gefahren, auf dem Schulweg oder zur Arbeit, und habe aus dem Fenster gesehen. Dann habe ich irgendwelche Stellen gesehen und mir überlegt, „Wie komme ich da ran, wieviel Zeit habe ich, welche Dosen nehme ich mit?“. Erst habe ich zuhause eine Skizze gemacht, dann wurde hingefahren und draufgemalt. Am nächsten Tag bin ich zurück, um ein Foto zu machen, fertig.

Hattest du keine Bedenken erwischt zu werden?

Oliver: Bin ich ja. Ich habe zuerst fünf Sozialstunden bekommen, in einer Offenen Tür. Dort habe ich direkt von denen, die dort arbeiteten, den Auftrag bekommen, im Jugendtreff zu malen. Später bin ich nochmal erwischt worden, an einer Garagenrückwand direkt an der KVB-Linie. Wir sind am nächsten Tag zu dem Besitzer, haben gesagt: „Wir sind hier erwischt worden, können wir das wieder weg machen?“. Der Besitzer hat sich das Graffiti angesehen, fand es cool und sagte, wir sollten es zu Ende machen. Wir bekamen keine Anzeige. Wegen des Polizeieinsatzes wurden wir trotzdem vor Gericht gezogen. Da wurde ich aber freigesprochen.
Ganz zum Schluss sind wir durch die Stadt gegangen und hatten einfach Dosen dabei. Deswegen wollte die Polizei uns alles Mögliche anhängen, und drohte mit Hausdurchsuchung, Überwachung und Telefon abhören. Man hat uns Sachen vorgeworfen, die wir überhaupt nicht gemacht haben. Ich bekam Freispruch, weil mir nichts nachgewiesen werden konnte. Ich habe dann noch Entschädigung bekommen und so aus der Sache sogar noch Geld rausgeholt.


War das der Grund, warum du aufgehört hast zu sprayen?
Oliver: Nein, der Grund aufzuhören, war der, dass es mir zu stressig war. Ich muss morgens um Viertel nach Sieben aufstehen, da habe ich abends keine Lust, noch rauszugehen und zu malen. Ich muss mir den Stress nicht geben, wenn ich zuhause legal eine Leinwand bemalen kann, die dann in irgendeiner Galerie hängt. Hin und wieder mache ich auch Auftragsarbeiten. Das mache ich nicht für die Kohle, sondern weil’s mir Spaß macht.

Sind legale Wände die Lösung?
Oliver: Dass Wände besprüht werden, lässt sich nicht vermeiden. Mit legalen Wänden würde die Sprüherei vielleicht zurückgehen, aber nicht komplett verschwinden.
Die KASA behauptet, wenn man Flächen legal freigibt, dann wird ringsum auch gemalt. Das liegt aber nicht daran, dass die Leute nicht legal malen wollen. Wenn es irgendwo eine kleine legale Fläche gibt, malen dort die Leute, die es richtig können. Die Leute, die es nicht so drauf haben, würden dort gern malen, trauen sich aber nicht, die Bilder zu übermalen und weichen auf die Flächen aus, die drum herum liegen.
Eine Studie besagt, dass viele illegal sprayen, weil es ihnen einen besonderen Kick gibt.

Oliver: Ich glaube nicht, dass es den Kick gibt. Solchen Leuten geht es mehr darum zu sagen, dass sie „hart“ sind, die wollen irgendetwas beweisen. Ich kann viele Leute verstehen, die sagen, legal malen sei gar kein Graffiti.

Warum?

Oliver: Graffiti ist daraus entstanden, dass Taki 183 überall seinen Namen hinterlassen hat. Das ist der Ursprung: Seinen Namen überall zu hinterlassen, wo man mal vorbeigekommen ist. Beim legalen Malen kann man nur an den Stellen malen, wo es erlaubt ist, aber nicht irgendwem seinen Namen aufdrücken.

Was könnte deiner Meinung nach getan werden, um illegale Graffiti einzudämmen?

Oliver: Die Graffiti sofort zu überpinseln bringt gar nichts. Es entsteht nur wieder eine freie Fläche zum bemalen. Ich würde mir als Präventivmaßnahme ein schönes Bild an die Wand malen lassen. Das bringt mehr als die Wand dauernd wieder weiß zu machen. Wenn ein Bild vom Bananensprayer oder einem anderen Künstler auf der Wand ist, malt kein Graffitisprayer mehr darüber.
Graffiti ist zu 99 Prozent an Stellen, wo viele Leute vorbeikommen. Es geht darum, aufzufallen. Wenn man legale Flächen freigibt, wo es keiner sieht, werden sie nicht angenommen. Wenn man dagegen eine Fläche an der Bahn- oder Buslinie oder mitten in der Stadt freigibt, entstehen verdammt gute Bilder und die Leute sehen das. In München gab es zum Beispiel den Flohmarkt, da war eine Ecke Toy Hall für die Anfänger und eine Ecke Hall of Fame für die richtig guten. Da gab es nicht das Problem, dass auch ringsum gemalt wurde.


Was sagst du zum Beschluss, Graffitisprüher in Zukunft mit dem Hubschrauber zu verfolgen?

Oliver: Das mit den Hubschraubern finde ich die größte Schweinerei. Die Kosten, die dadurch entstehen, werden garantiert in die Sachschäden, die Graffiti verursacht, miteingerechnet.
Außerdem stehen die Schallschutzmauern ja nicht ohne Grund da. Wenn die das länger durchziehen wollen, kriegen sie wahrscheinlich viele Beschwerden von den Anwohnern. Die sollen die Hubschrauber lieber zu Rettungshubschraubern umfunktionieren, statt damit Graffitisprayer zu jagen.